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Zukunft Bauen auf der Energiesparmesse Wels 2017

Unter dem Titel „Zukunft Bauen“ präsentiert die Energiesparmesse Wels eine neue Fachvortragsserie für die Bauwirtschaft. In seinem Impulsvortrag für die Podiumsdiskussion am Fachbesuchertag berichtete Siegfried Wirth über das Schwerpunktthema ‚Leistbarkeit vs. Energieeffizienz?‘ der vorjährigen Expertenbefragung „Zukunft Bauen“.

(Wels, 2.3.) Die Expertenbefragung erforscht jährlich seit 2011 Themen mit Bezug zur Europäischen Gebäuderichtlinie [EPBD 2010]. Die gibt als Ziel für 2020 das Niedrigstenergiehaus [Nearly Zeo Energy Building] vor. Bekanntheit und Marktaussichten von ausgewählten Gebäudekonzepten werden daher jedes Jahr in der „Zukunft Bauen“ abgefragt. Das Hauptthema hingegen wechselt jährlich: 2016 war es ‚Leistbarkeit vs. Energieeffizienz?‘, mit ‚Baukultur‘ zum magischen Dreieck erweitert und durch die Frage nach Kostentreibern ergänzt.

Als größte Treiber für die Wohnungskosten werden ‚fehlende frühzeitige Planung‘ und ‚Grund- und Nebenkosten‘ gesehen, gleich dahinter ‚Barrierefreiheit im Bestand‘ und ‚rasch wechselnde oder kurzfristig geäußerte Auftraggeberwünsche‘ sowie ‚fehlende horizontale / vertikale Planung. Barrierefreiheit ist im Neubau angekommen und kann dort unaufwändig mitgeplant werden. Im Bestand hingegen erfordert gute Planung auch eine gute Bestandserhebung, also vermehrten Aufwand.

Die Frage war „Wodurch wird Bauen und vor allem Wohnen teuer? Wie schätzen Sie den Beitrag der einzelnen Punkte zu den Gesamtkosten über den Lebenszyklus hinweg ein?“, die Antworten reichen von 1 = „sehr gering“ bis 5 = „sehr groß“:

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Kostentreiber

Note

1

fehlende frühzeitige Planung

4,13

2

Grund- und Nebenkosten

4,12

3

Barrierefreiheit im Bestand bei Umbau, Sanierung, …

4,06

4

rasch wechselnde oder kurzfristig geäußerte Auftraggeberwünsche

4,04

5

fehlende horizontale Planung

4,01

6

fehlende vertikale Planung

4,00

Diese Befragungsergebnisse werden von den Marktverhältnissen überlagert. Der Wohnungsmarkt ist ein Verkäufermarkt – die Nachfrage ist größer als das Angebot. Dafür gibt es mehrere Gründe, sowohl vonseiten der Nachfrage als des Angebots.
Nachfrageseitig sind das vor allem:

  • Die wachsende Bevölkerung braucht mehr Wohnraum.
  • Die Wohnfläche pro Person hat sich in wenigen Jahrzehnten verdoppelt.
  • Vorsorgewohnungen und Immobilieninvestition sind seit längerer Zeit ein Marktfaktor.
  • In jüngster Zeit steigt die Nachfrage nach kleinere Wohnungen und damit das Preisniveau.

Das Angebot für Wohnungssuchende ist unzureichend, sowohl mengenmäßig als auch hinsichtlich Preis/Leistungsverhältnis:

  • Die Bautätigkeit ist zu gering.
  • Gewünschte Wohnungsgrößen sind nicht ausreichend vorhanden.
  • Vorhandene Wohnungen kommen nicht auf den Markt.
Billiger bauen als Abhilfe?

Würde es helfen, zwecks Senkung der Baukosten bei der Energieeffizienz zu sparen? Die klare Antwort ist: Nein. Vielmehr ist Energieeffizienz ein stabilisierender Faktor, wenn man die Lebenszykluskosten betrachtet. Das bestätigen die Aussagen der Expertenbefragung „Zukunft Bauen“ nachdrücklich:

79 Prozent der Befragten halten die Lebenszyklus-Kosten für wichtig: ‚Leistbarkeit muss alle Kosten über den ganzen Lebenszyklus erfassen: Bauen, Betrieb und Erhaltung, Renovierung (und Umgestaltung), Abriss, Wiederverwertung, Entsorgung.‘ (Note 1,66). Sogar 86 Prozent meinen, primär braucht man ein umfassendes Konzept: ‚Wird beim Gebäudekonzept gespart, etwa bei Gebäudehülle, Lüftung, Sonnenschutz, führt das langfristig zu Mehrkosten und/oder Komfortverlust.‘ (Note 1,60).

Die Zweckbindung der Wohnbauförderungsmittel wünschen sich drei Viertel zurück (Note 1,79). Letztgereiht findet sich die Frage, ob ‚heutige Ausgaben schwerer wiegen als zukünftige Ersparnisse‘. Die unentschiedene Durchschnittsnote (3,08) verbirgt eine Polarisierung, denn Zustimmung / Ablehnung sind mit 37,1 / 41,2 Prozent der Antworten etwa gleich groß.

Lieber gut investieren als später draufzahlen

Die EIV-Studie „KliNaWo“ (siehe Anhang) unterstreicht diese Ergebnisse der Expertenbefragung:

  1. Die (geringen) Mehrkosten hocheffizienter Gebäudevarianten werden im Lebenszyklus durch geringere Betriebskosten mehr als kompensiert.
  2. Die Kostenoptima des Primärenergiebedarfs liegen – auch ohne Förderung – weit unter den derzeitigen und den geplanten Grenzwerten der Bauordnungen und der Wohnbauförderungen.
  3. Lebenszykluskosten sollten verstärkt als Entscheidungskriterium herangezogen werden.
Das magische Dreieck „Leistbarkeit - Energieeffizienz - Baukultur“

Auch für das Querschnittsthema Baukultur wurde vermutet, dass es zu den anderen Themen quer liegen könnte. Die Expertenbefragung hat ausdrücklich danach gefragt: Die Aussage ‚Leistbarkeit, Energieeffizienz und Baukultur gehören zu den vielfältigen Rahmenbedingungen einer guten Planung und sind zu berücksichtigen.‘ findet 87,9 Prozent Zustimmung mit Note 1,54.

69,3 Prozent der Befragten meinen, dass ‚Leistbarkeit und Energieeffizienz „gut zu vereinbaren“ sind‘ (Note 2,17). Wie immer wurden klimaaktiv-Partnerinnen/Partner und Nicht-Partner auch getrennt ausgewertet: Bei diesem Punkt ist die Zustimmung der klimaaktiv-Gruppe um eine halbe Note höher!

Energieeffizienz ist ein Sanierungsthema

Im Neubau fallen bei frühzeitiger ganzheitlicher Planung kaum noch relevante Mehrkosten an. Die Sanierung hingegen bleibt eine Herausforderung, Planung und Ausführung sind aufwändig, und Förderung, etwa durch den Sanierungsscheck, bietet wenig Anreiz. Das meinen jedenfalls die Befragten, und sehen die Förderstellen unter Zugzwang: jeweils 76 Prozent stimmen den folgenden beiden Aussagen zu:

‚Die Sanierungsrate steigt viel zu langsam und liegt deutlich unter den Erwartungen‘ (Note 1,89) und ‚Die ‚staatliche Förderung für thermische Sanierung muss massiv ausgebaut werden, um die Sanierungsrate zu erhöhen und die Qualität zu steigern‘ (Note 1,93).

Die drei weiteren Aussagen polarisieren stark:

• ‚Maßnahmen wie Dämmung im Übermaß oder zwangsweise Lüftung haben mehr Nachteile als Vorteile und rechnen sich nicht.‘ bekommt 42,8 Prozent Zustimmung und 41,4 Prozent Ablehnung (Note 3,00). Sind nun die Anforderungen zur Energieeffizienz (im Neubau) zu gering oder zu hoch? Um möglichst klare Antworten zu bekommen, haben wir separat gefragt:

• ‚Die Anforderungen … sind zu gering‘ findet mit jeweils 36,6 Prozent gleichermaßen Zustimmung und Ablehnung (Note 3,03).

• ‚Die Anforderungen … sind zu hoch‘ bejahen ein Drittel (33,6 Prozent), während beinahe die Hälfte (47,8 Prozent) nicht zustimmt, also höhere Anforderungen befürwortet. In Summe ergibt sich ein Übergewicht für höhere Anforderungen von 84,4 zu 70,2.

Den Aussagen 1, 2 und 4 stimmen klimaaktiv-Partnerinnen/Partner stärker zu, 3 und 5 hingegen die Nicht-Partner. Bei allen fünf Themen unterscheiden sich die Bewertungen signifikant!

Kostenoptimalität

Die Berechnung der ‚Kostenoptimalität‘ berücksichtigt Faktoren wie Lage, Gebäudetypen und Energiepreise. Laut „Zukunft Bauen“ sind die wichtigsten Einflussgrößen Politik und – auch hier wieder -‚die Märkte‘.

80 Prozent stimmen zu, dass ‚Die neuen Klimaziele – Energieverbrauch minus 40 % bis 2030 – noch konsequentere Vorgaben für Energieeffizienz und erneuerbare Energie im Gebäudebereich erfordern.‘ (Note 1,63).

73 Prozent meinen ‚Die derzeit niedrigen Energiepreise für fossile Energie verfälschen die Erwartungen und führen so zu falschen Investitionsentscheidungen.‘ (Note 1,69).

Nur etwas weniger hoch ist die Zustimmung für ‚Bei einem Betrachtungszeitraum von 30 Jahren liegen energieeffiziente Gebäude (das sind zumindest Niedrigstenergiegebäude) im kostenoptimalen Bereich.‘ (Note 1,95) und ‚Die Förderungen für Neubauten und Sanierungen sollen sich vermehrt dem Thema Kostenoptimalität und Lebenszykluskostenbetrachtung (LCC) widmen.‘ (Note 2,02).

84 % gegen Ölheizung im Neubau, 56 % gegen Gas

Bei der Pariser Klimakonferenz COP21 im Dezember 2015 wurde die Begrenzung der Erderwärmung auf unter 2° Celsius, möglichst nur 1,5°, beschlossen. Daher soll bis 2050 auch die Verwendung der fossilen Energieträger drastisch reduziert werden. Dementsprechend meinen 84 Prozent ‚Ölheizungen sollen bei Neubauten (egal ob gefördert oder freifinanziert) nicht mehr zur Anwendung kommen.‘ (Note 1,60), und auch für ‚Gasheizungen‘ meinen das bereits 56 Prozent (Note 2,50).

Fast 60 Prozent der Expertinnen und Experten befürworten ‚Die energetischen Anforderungen bei Neubauförderungen sollten weiterhin deutlich (mind. 25%) über den Bauordnungsstandards liegen.‘ (Note 2,39), ebenso viele widersprechen der Aussage ‚Fossile Energieträger können vor 2050 nicht ersetzt werden, weil unsere Lebenssysteme danach ausgerichtet sind.‘ Das heißt, 57 Prozent halten Fossile Energieträger vor 2050 für ersetzbar, nur 27 Prozent nicht.

Anhang: KliNaWo Klimagerechter und nachhaltiger Wohnbau

Gefördert als Projekt des Comet‐Zentrums ALPS in Innsbruck. COMET Projekte werden durch die Bundesministerien BMVIT und BMWFW sowie durch das Land Vorarlberg gefördert und durch die FFG abgewickelt.

Wichtigste Projektergebnisse

Arch. DI Martin Ploss KliNaWo - Ziele, Vorgehensweise und Zwischenergebnisse https://www.vorarlberg.at/pdf/klinawosession5.pdf Dr. Ing. (FH) Tobias Hatt economicum – KliNaWo – Lebenszykluskosten https://www.vorarlberg.at/pdf/klinawosession5detailerge.pdf

  • Der HWBPHPP schwankt um Faktor 3, PEBPHPP ohne HH-Strom um Faktor 9,5.
  • Wohnraumlüftung: 94% der Varianten mit Abluft und 99% der Varianten mit Wärmerückgewinnung haben Errichtungskosten*, die unter den jeweiligen Kostengrenzen der WBF liegen.
  • Die Errichtungskosten der ausgewählten Variante liegen um > 100 EUR/m2 WNF unter der Kostengrenze der Wohnbauförderung.
  • Der PEB der ausgewählten Variante liegt um 33 kWh/m2 BGFa unter dem Grenzwert für Gemeinnützige und um 103 kWh/m2 BGFa unter BTV für Private.
  • Die Mehrkosten hocheffizienter Gebäudevarianten von etwa 4-6%** werden im Lebenszyklus durch geringere Betriebskosten mehr als kompensiert.
  • Die ausgewählte Variante hat Mehrkosten von 3,0%. • Die Kostenoptima des Primärenergiebedarfs liegen – auch ohne Förderung – weit unter den derzeitigen und den geplanten Grenzwerten.
  • Passivhaushülle und hocheffiziente Fenster sind auch ohne Förderung in den meisten Fällen wirtschaftlich.
  • Die Variantenauswahl nach Lebenszykluskosten ist sinnvoll und sollte verstärkt als Entscheidungskriterium herangezogen werden.

* ÖNORM B 1801-1, Kostengruppen 1 bis 9

** auf die Bauwerkskosten gem. ÖNORM B 1801-1, Kostengruppen 2 bis 4

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