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Zweite Befragung von Bauexperten zu Gebäudekonzepten, dem Schwerpunktthema Wohnraumlüftung und anderen Zukunftsfragen, durchgeführt im Jänner/Feber 2012 

Die wichtigsten Ergebnisse:
Handlungsbedarf für die Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie
„Nearly Zero Energie Building“ und EU-Gebäuderichtlinie weithin unbekannt
  • Lüftungsmethode der Wahl ist für 86 Prozent der Befragten die
    „kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung“
  • Beste Marktaussichten für „Passivhaus“ und „Niedrigstenergiehaus“;
    „Nearly Zero Energie Building“ immer noch weithin unbekannt
  • Zukünftige Herausforderungen:
    „Erneuerbare Energie“ und „umfassender Sanierung“ werden wichtiger;
    sie liegen an der Spitze gemeinsam mit
    „Vermeidung sommerlicher Überhitzung“, „Energieausweis“ und „Innenraumluftqualität“
  • Für ökologisches, energieeffizientes, klimaschonendes Bauen sind
    „Alternativenergie vor Ort“ und „Ökologische Baumaterialien“ am wichtigsten; „Klimaanlage“ und „Herkömmliche Heizung“ gehören eher nicht dazu.
Die Ergebnisse im Detail:
Wohnraumlüftung

Minimierter Energieverbrauch erfordert dichte Gebäude. Aktive Lüftung ist also ein Muss für den hygienisch nötigen Luftwechsel. Die Experten waren gefragt, „Welche der angeführten Methoden den Zweck erfüllt“ und „WelcheLüftungsmethoden … sich im Markt durchsetzen werden“. Die Antworten sind eindeutig: „Komfortlüftung“, also die „kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung (WRL)“, ist die bevorzugte Methode für einen hygienisch ausreichenden Luftwechsel und hat auch die besten Marktaussichten mit Durchschnittsnote 1,9. Gleichauf mit Note 2,0 liegt die Variante „kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärme- und Feuchterückgewinnung", knapp dahinter „kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärme- und Feuchterückgewinnung und Kühlung" (Note 2,2). Alle anderen Möglichkeiten inkl. "Fensterlüftung" werden sowohl hinsichtlich der Zweckerfüllung als auch der Marktaussichten deutlich schlechter eingeschätzt.

Marktaussichten für Lüftungsanlagen, gereiht nach Durchschnittsnoten

 

FRG = Feuchterückgewinnung
Kühl. = Kühlung
WRG = Wärmerückgewinnung

 

Anmerkung zu allen Diagrammen:
Die jeweils fünf Antwortmöglichkeiten entsprechen Schulnoten – 1 = bester Wert = grün, 5 = schlechtester Wert = rot. Die Länge der Balken entspricht dem Anteil der jeweiligen Note. Überwiegen die „grünen“ Antworten, liegt die Durchschnittsnote nahe bei 1; nehmen hingegen die „roten“ Antworten zu, steigt die Durchschnittsnote auf einen höheren, also schlechteren Wert.

Gebäudekonzepte

Niedrigenergiehaus und Passivhaus sind am bekanntesten, knapp dahinter liegt das Niedrigst-energiehaus. Das ebenfalls gut publizierte klima:aktiv-Haus folgt mit geringem Abstand. Den letzten Platz belegt wieder das Nearly Zero Energie Building aus der Europäischen Gebäuderichtlinie EPBD. Jeder zweite Experte kennt es „gar nicht“ oder „nur namentlich“. Das liegt daran, dass es bis heute noch keine klare Definition dafür gibt, weil die Umsetzung der EPBD auf nationaler Ebene noch in Arbeit ist.

Marktaussichten der Gebäudekonzepte, gereiht nach Durchschnittsnoten

 

Bei den Marktaussichten in den nächsten 5 Jahren liegen „Passivhaus“ und „Niedrigstenergiehaus“ an der Spitze. Die Einschätzung hängt stark von der Bekanntheit ab. Diesem Gesamtbild entspricht auch die Bewretung für das Nearly Zero Energie Building. Daher ist zu hoffen, dass dieses bald klar definiert und entsprechend publiziert wird.

 

Zukünftige Herausforderungen

Die 16 vorgegebenen „Fragen, vor denen die Baubranche steht“ bekommen Durchschnittsnoten zwischen 1,6 und 2,6, werden somit alle für ziemlich wichtig gehalten. Bei insgesamt geringer Veränderung zum Vorjahr gibt es leichte Verschiebungen in der Reihenfolge.

Zukünftige Herausforderungen, gereiht nach Durchschnittsnoten
Als wichtigste Themen für das eigene Unternehmen in den nächsten 5 Jahren werden „Erneuerbare Energie“, „Vermeidung sommerlicher Überhitzung“ „Umfassende Sanierung von Gebäuden“, „Energieausweis“ und „Innenraumluftqualität“ gesehen. In dieser Spitzengruppe gibt es zwei signifikante Veränderungen zum Vorjahr: „Erneuerbare Energie“ setzt sich an die Spitze, „Umfassende Sanierung“ rückt von Rang 7 auf Rang 3 vor. Auch „Barrierefreiheit“ steigt signifikant um 3 Ränge.

 

Ökologisches, energieeffizientes, klimaschonendes Bauen

Anhand einer Liste von über 20 Kriterien wurde gefragt, was zum ökologischen Bauen gehört und was nicht. Die Bandbreite der Durchschnittsnoten reicht von 1,5 bis 3,5. Bei fast allen Kriterien überwiegen die Noten im grünen Bereich.

Für die ökologische Bauweise am wichtigsten erscheinen „Alternativenergie vor Ort“ und „Ökologische Baumaterialien“ mit Durchschnittsnote 1,5. Der grüne Block („sehr wichtig“ oder „wichtig“) reicht bis zur „Bauteilaktivierung“. Danach nimmt die Wichtigkeit rapide ab: „Fernwärme/ Nahwärme“ bekommt nur noch knapp über 50 Prozent Zustimmung, was die deutliche Spitzenposition der autonomen Erzeugung noch unterstreicht. Bei „Dämmung >30 cm“ zeigt sich erstmals eine deutliche Polarisierung: 44 Prozent Zustimmung („sehr wichtig“ oder „wichtig“) stehen 29 Prozent Ablehnung („weniger wichtig“ oder „unwichtig“) gegenüber. Bei der bauphysikalisch umstrittenen „Innendämmung“ sind die Pole bei jeweils rund 34 Prozent ausgewogen, der neutrale Block ist fast gleich groß.

Ökologisches Bauen, gereiht nach Durchschnittsnoten

 

Eindeutig nicht Element einer ökologischen Bauweise sind „Klimaanlage“ und „Herkömmliche Heizung“ (jeweils Note 3,5). Bei beiden überwiegt die Ablehnung.

Fazit

Die Frage der Lüftung polarisiert und wird die Branche noch länger beschäftigen. In dieser Studie wurde das Thema mehrfach abgefragt, der Tenor ist einheitlich: kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung bekommt Note 2,06 - was „wichtig“ bedeutet - als eine der zukünftigen Herausforderungen der Baubranche; Note 1,83 - also noch „wichtiger“- als Aspekt einer ökologischen Bauweise; und Note 1,70 als beste Methode für den hygienisch nötigen Luftwechsel, mit einer Marktstellung zwischen „Zunehmen“ und „Dominieren“.

Die Vielfalt der Gebäudekonzepte spiegelt persönliche Vorlieben und Abneigungen ebenso wider wie ökonomische Interessen. Zudem werden laufend neue Konzepte vorgestellt, was die Übersicht auch für Experten schwierig macht. Viele Informationen sind im Internet verfügbar; Auswahl und Bewertung sind jedoch für die Anwender und Interessierten schwierig. Diese Aufgabe ist prädestiniert für den Baumeister als Praktiker mit seiner Ausbildung und seinen Befugnissen.

Der Weg zur Implementierung der Europäischen Gebäuderichtlinie EPBD im heimischen Baugeschehen ist noch offen: die dafür verbleibende Zeit ist unter dem Aspekt der Vorlaufzeiten von Normen und Gesetzen nicht lange. Ab 2020 sollen nur “Nearly Zero Energie Buildings“ gebaut werden, die ihren minimalen Energiebedarf aus erneuerbaren Quellen decken. Um das zu schaffen, braucht die Baubranche so bald wie möglich klare Vorgaben und Rahmenbedingungen. In weiterer Folge kommt es auf flächendeckende Aus- und Weiterbildungen für die Praktiker auf allen Ebenen des Baugeschehens, sowie das Zusammenwirken aller Beteiligten für optimierte und funktionierende Systeme an.

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